
Und weiter geht’s mit dem Horror um die Twilight-Saga. Dass Stephenie Meyer die Jugend zu willenlosen 50s Housewife-Zombies macht, wird zur Genüge gesagt. Zu einfach. Warum Twilight aber tatsächlich problematisch sein könnte, wie gewohnt nach dem Break.
Gerade ist New Moon in die Kinos gekommen und schon geht es wieder los, mit der nicht enden wollenden Flut an Twilight Artikeln, Pro- und Kontra Argumenten, Ohnmachtsanfällen ob entblößter Männerbrüste, Liebesbekundungen, Mash-Ups und rekordbrechenden Buchverkäufen. Wir haben’s kapiert: Twilight ist eine große Sache und aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken.
Was mich daran stört ist bloß, dass der Anti-Twilight Diskurs sich in endlosen, mit Polemik überladenen Argumenten erschöpft, wie und auf welche Weise Teenie-Mädchen und Hausfrauen ins Hirn gefickt werden. Das Problem der oft auch gut begründeten, oft feministischen und besorgten Kritik ist, dass die Kritiker es sich zu einfach machen: Twilight ist berühmt, Teens mögen Twilight, Twilight macht aus Teens Bellas in Spe und alle Jungs müssen wie der gute, alte Ed werden, um ein anemisches Mädchen abzukriegen. Die Gründe sind komplexer. Weil ich Artikel zu Teilaspekten nicht mehr lesen kann und Listen zum Ende des Jahres total beliebt sind: Kompakt aufgezählt 6 Gründe für die Problematik von Twilight. Wer das alles nicht mehr hören kann, darf auch zum Fazit skippen.
1. Bella Swan, die Fantasy Heldin

When I hear or read theories about Bella being an anti-feminist character, those theories are usually predicated on her choices. [...] But do her choices make her a negative example of empowerment? For myself personally, I don’t think so. In my own opinion (key word), the foundation of feminism is this: being able to choose. Are there jobs we can and can’t have in order to be a “real” feminist? [...] She’s (Bella) a strong person who goes after what she wants with persistence and determination. (Stephenie Meyer on http://stepheniemeyer.com)
Meyer vermarktet Bella als die Fortsetzung einer Reihe klassischer, weiblicher Fantasy-Helden im modernen Gewand. In einem leider inzwischen nicht mehr online zu findenden Interview mit VH-1 sagt Meyer, dass sie unzufrieden ist mit Girl-Power Heldinnen, die alle Kung-Fu können, einen Prada-Lifestyle leben und Kolumnen in New York schreiben. Der Großteil junger Frauen würde sich mit diesen Heldinnen nicht verbunden fühlen. Wahrscheinlich richtig.
Statt aber den Lesern eine glaubhafte, nicht unfassbar toughe, menschliche Heldin vorzusetzen, gibt es bei Twilight Bella: ein Teenie-Mädchen, das um alles in der Welt kein Teenie-Mädchen sein will, sondern ein wunderschöner, übermenschlicher, unsterblicher Vampir, komplett mit Superkräften, Supertyp an der Seite und einem schicken Volvo. Was bitte soll daran zeigen, dass “Normal”-Sein voll okay ist?
2. Bella das konservative Rollenmodel
Bella will Edward (Überraschung!). Bella will nicht viel mehr. Collge wird Plan B (außer wenn es um Sex geht – nachdem Ed und Bella im vierten Band endlich Sex haben, überlegt es sich Bella doch aufs College zu gehen, um diesen fantastischen S/M-Vampir-Sex zu genießen). 4 Bücher lang lamentiert Bella ihre Imperfektion und wird endlich glücklich mit sich und ihrem Äußeren wenn sie sich im Spiegel sieht.
Ihr Leben ist erfüllt nachdem sie sein Vampir-Mutanten-Baby zur Welt bringt, Edward heiratet und sich zum Kinderaufziehen irgendwohin zurückzieht. Passend in dem Kontext auch, dass Meyer sagt, Bella’s Geschichte wäre damit zu Ende. Heirat ist das ultimative Ziel. Oder so. Dass sich Teenie-Mädchen jetzt alle verloben und weder Job, noch Ausbildung wollen ist als Schluß daraus trotzdem Blödsinn.
3. Konsum und so
Produkte sind ein zentraler Part der Twilight-Saga. “You know what you would love? A nice, little Audi coupe. Very quiet, lots of power…”, sagt Ed zu Bella in New Moon (Buch). Und auch sonst: Autos wohin man sieht. Selbst im Film benutzt Bella deutlich sichtbar Google, Barnes&Nobles und Co. Diese Orientierung an Konsumgütern steht in starkem Kontrast zu den überschäumnden Gefühlen und passt gut zu dem Jugendwahn. Bella hat Angst älter zu werden und damit Ed zu verlieren. Jugend als Konsumgut qua Vampirismus? Warum nicht.
4. Cullens sind keine Vampire

If it walks like duck, quacks like a dack, looks like a duck, it must be a duck. Vampire standen in ihrer Geschichte für so Einiges. Sie symbolisierten die Angst der neuen, gebildeten, viktorianischen Mittelschicht vor der inzestiösen, bösartigen, alten Aristokratie Europas, die drohte allen Fortschritt zunichte zu machen (Bram Stoker’s Dracula). Sie waren Boten von Pest (Murnaus Nosferatu) und AIDS (Anne Rice Kram). Repräsentierten die Angst vor der Verführung der unschuldigen Jugend Amerikas (Lost Boys) und die Angst vor bösartigen Rednecks, multinationalen Corporations (Blade) und waren die Projektionsfläche von Rassismus (True Blood).
In allen Vampirversionen waren einige Element zentral, darunter: Ein Gefühl von Verlust (Sonne, Menschlichkeit, Fruchtbarkeit), Einsamkeit und Angst. Die Cullens besitzen keins davon. Wenn man es sich genau überlegt, gibt es keinen Nachteil ein Twilight Vampir zu sein. Sie können am Tag durch die Gegend laufen, sie können zusammenleben und lieben, sie können Sex haben und (unter Umständen) Kinder haben. Dazu sind sie reich, schön, mächtig und elitär. Selbst nach Blut hungern sie nicht (oder zumindest können sie es gut genug unterdrücken) – Bella ist sogar ganz vom Blutdurst ausgeschlossen.
Mit anderen Worten: Die Cullens sind eine neue Aristokratie, ein Idealbild einer All-American Vampirfamilie, die in ihren Werten traditionell ist und die Familie als vorteilhaftes Lebensmodell propagiert. Sie repräsentieren nicht die Angst vor dem Monster – sie zeigen bloß die Sehnsucht nach alten, sicheren Strukturen und Werten in äußerst unsicheren Zeiten.
5. Die anderen Vampire…

Im Gegensatz zu den “guten”, familienorientierten, domestizierten, amerikanischen und weißen Cullens sind die anderen Vampire stark ethnisch konnotiert. Twilight, der Film, brachte uns einen Creole Vampir und seine Gang aus Hobopiren, später wirds noch schlimmer mit den Volturi, den bösen, europäischen, fiesen, hässlichen Obervampiren des Schreckens. Moral ist: Wenn Vampire gut sind, sind sie engelsgleiche Cullens, die bösen sind fiese Monster und höchstwahrscheinlich Europäer oder Schwarz. (Anm. im vierten Band kommen auch einige okaye ausländische Vampire vor)
6. Twilight der Abstinenz Porno
Christine Seifert bezeichnet Twilight in einem Bitch Magazine Artikel als Abstinenz-Porno. Als Abstinenz-Porno definiert Seifert Porno für die Abstinence-Only Generation. D.h.: Es passiert nichts explizites, aber es brodelt unter der Oberfläche. Was bizarr ist, denn wenn Bella und Ed drei Bücher lang nichts mehr wollen, als übereinander herzufallen, war ihr (ziemlich merkwürdiger) Prügelsex eine Enttäuschung für viele Fans.

Die Crux an Twilight dabei ist aber, dass die Entscheidungsgewalt über alles, was mit Sex zu tun hat, in den Händen Edwards liegt. Die Frage, ob Bella und Edward Sex haben können ist direkt verbunden mit der Frage, ob Bella ein Mensch bleiben darf. Die Message von Twilight, dem Abstinenz-Porno scheint somit zu sein, dass Männer die vernünftigeren Wesen sind, wenn es um Gefühle, Emotionen und Triebe geht. Sie müssen die Ehre der Frau wahren – und Edward macht das ziemlich creepy.
Ultimately, it’s a statement of the sexual politics of Meyer’s abstinence message: Whether you end up doing the nasty or not doesn’t ultimately matter. When it comes to a woman’s virtue, sex, identity, or her existence itself, it’s all in the man’s hands. To be the object of desire in abstinence porn is not really so far from being the object of desire in actual porn.
Fazit

Twilight hat seine creepy Seiten, Twilight ist verstörend und Meyer vertritt eine rigide Sexualmoral, durchwachsen von altbekannter Mormonenphilosophie. Nichts neues. Entwarnung: Twilight wird trotzdem keine 50s Housewifes aus Teens machen. Das schaffen schon andere Dinge ganz gut, etwa die mediale Panikmache um Krisen, Jobmangel, schlechte Bildung, Chancenlosigkeit, Schweinegrippe, Terror, Umwelt usw.
Erschreckend ist nur, dass Twilight von Meyer als Antwort auf 90s Girl-Power Charaktere angelegt wurde. Als betont apolitische, von Third-Wave Feminismus unberührte Literatur, in der toughe Frauen lieber was kochen, statt tough zu sein. Wo ein Idealbild von brüchiger Teenie-Liebe über alles gestellt wird und wo Frauen und Männer beziehungszerstörende Ereignisse (etwa von seinem Partner übelst verprügelt zu werden) für den Familienzusammenhalt übersehen. Wenn es draußen brodelt, stürmt und rumort, dann zieht man sich eben mit der Familie in die Blockhütte in Forks zurück und lebt glücklich bis in die Ewigkeit, denn auch der Tod hat keinen Platz in Forks.
Der Erfolg gibt Twilight recht. Und in den kommenden Jahren können wir wohl mehr und mehr hochglanzige Romanzen erwarten, in denen Schmachten zum Grundprinzip erhoben wird. Wo Frauen noch “echte Frauen” sein dürfen, wo Männer reich, konservativ, schön und konform sind – gefährlich, aber nur ein bisschen, ansonst sehr lieb.
Twilight ist nicht das Monster, das viele Feministen darin sehen, es ist eher ein Zeichen, dass es an der Zeit ist für neue Heldinnen, die weder in die unglaubwürdige, unnahbare Girl-Power Falle tappen, noch ihre Tage schmachtend in Forks verbringen.
Links:
Bitch Magazine: Bite Me! (Or Don’t)
Jezebel: Twihard with a Vengeance

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