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24. März 2010

Es ist ein alter Hut, dass es Printmedien in letzter Zeit nicht allzu gut ging, kein Wunder auch, dass vor allem Special Interest Magazine Probleme haben nicht pleite zu gehen. Dazu gehören Musik-, Kultur- und natürlich auch Videospielmagazine. Aber der Grund warum (zumindest) ich seit Jahren kein deutsches Videospielmagazin in die Hand genommen habe ist ein anderer: Erst wenn man den einfachen Vergleich hat mit anderen Web-Angeboten (seien es Blogs, Magazine oder auch Mischformen) sieht man, dass der Grund für die Bedeutungslosigkeit der deutschen Videospiel-Presse nicht die Printkrise ist, sondern ihre eigene mangelnde Qualität.

Wenn man sich die deutsche Gaming-Presse Landschaft anschaut, dann gibt es nur einige wenige “große” Magazine: Gamestar, PC Games, PC Action und GEE (ich lasse jetzt mal bewusst die Konsolen-Magazine aus, weil: keine Ahnung von). Sie alle teilen: größtenteils schlechter Stil, lahme Themenaufbereitung und komplette Irrelevanz.

Man nehme etwa die Gamestar, deren Meinung zum Skandal um das Modern Warfare 2 “No Russian” Level für ein Heft, das sich damit brüstet, Spiele ernst zu nehmen, erschreckend ernüchternd war:

Die angeblich angestrebte Empathie bleibt dabei komplett aus: Das Blutbad läuft vergleichsweise steril ab, die Opfer bleiben seltsam gesichtslos, es gibt keine Kinder unter den Passagieren. Es ist ganz einfach, bei diesen lässigen Kerlen mitzumachen und eben auch den Abzug zu drücken. Modern Warfare 2 setzt die Hemmschwelle so weit wie möglich herunter, ordnet zugleich aber die Tat in keiner Weise ein. Es fehlt eine emotionale Reaktion des Spielcharakters, alle Reflektion liegt bei der Person vor dem Bildschirm.

Mit anderen Worten: Ein Spiel ist schlecht, weil es vom Spieler Nachdenken erfordert? Weil es frei interpretiert werden kann? Darum spielen wir doch Spiele, weil wir interpretativen Freiraum haben (selbst wenn das Level und der Skandal völlig blödsinnig ist)! Oder wie balkantoni von These Nerds es ausdrückt: “Der Text ist panne²³”.

Eilmeldung: Aus Mangel an Illustrationen folgt jetzt ein Bild einer Katze und eines Mädchens auf einem Dinosaurier. Wir bitten um Verständnis.

Die Gamestar, einst das Flaggschiff der deutschen Spiele-Magazine hat 2008 fast 25% an verkaufter Auflage abgenommen und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Die PC Games Chefredakteurin Petra Fröhlich beharrt in einem Interview mit golem.de auf den Qualitäten der deutschen Print Magazine. Sie würden die bedeutenden First-Looks bekommen und könnten die großen Zusammenhänge aufzeigen, Spielabläufe detailliert erklären, tolle Texte abliefern und hoffnungsvoll in eine Zukunft blicken, in der man auch als Online-Portal an Bedeutung gewinnt.

Leider tun das deutsche Spielemagazine eben nicht. Möglicherweise kriegen Zeitschriften noch traditionell die großen Stories exklusiver – wie sie damit umgehen aber verspielt jegliches Interesse. Klar, ein schöner, exklusiver Artikel über Portal 2 ist es wert gelesen zu werden, aber wenn der einzige Zweck die Werbung für ein neues Spiel ist und es eh nur darauf herausläuft, bunte, neue Features aufzuzählen, so kann man getrost die Zusammenfassung auf Kotaku.com lesen, statt einen Fünfer am Kiosk zu lassen.

Qualitätsjournalismus ist das Wort, das man am häufigsten liest, wenn es darum geht Print gegen den Moloch Internet zu verteidigen – was aber wenn Qualität nicht mehr (oder zumindest unglaublich selten) in Print zu finden ist?

Zwei Zeitschriften reagieren auf unterschiedliche Weise darauf.  PC Action, die sich zunehmend zur BILD unter den Videospielzeitschriften entwickelt und die GEE, die gerne SPEX sein möchte, dann aber irgendwie eher NEON ist.

Die PC Action ist schon fast ein Meta-Magazin, eins das alle Klischee des “Gamers” bedient und sich darin suhlt. Herrlich um sich darüber aufzuregen. Dann wiederrum: genauso inhaltsleer, dafür was Sexismus, Rassismus und generelle Furchtbarkeit angeht allen anderen überlegen. Meta-mäßige-Schrecklickkeit in allen Ehren, aber es gibt einen Unterschied zwischen kommentarlosem Darstellen (My Sweet 16, Jersey Shore) und aktivem Furchtbar-Sein wie dieses Interview der PC Action mit dem taiwanesischen Runes of Magic Entwickler Tony Tang beweist

pcaction.de: Wir bieten euch drei Tonnen Reis, wenn ihr uns einen lebenslangen Zugang zu Runes of Magic mitsamt allen Gegenständen garantiert, für die man echtes Geld zahlen muss. Deal?

Tony Tang: Haha! Unsere derzeitige Mannschaft könnte gar nicht soviel Reis essen, bevor er verdirbt. Reden wir noch mal darüber, sobald unser Team größer ist.

pcaction.de sagt: Danke, Tony.

Moment…was!? Fragt da jemand tatsächlich einen taiwanesischen Entwickler (wenn auch nur im Spaß), ob er seine Arbeit gegen Reis austauscht? Wirklich? Und Tony Tang prügelt diesen Typen, der sich Journalist schimpft, nicht ins Nirvana? All in good fun? Wir sind doch alle Gamer-Kumpels? Eher nicht. Wenn zumindest das Interview selbst irgendeinen Wert hätte, aber nein, alle Fragen dümpeln daher mit so Perlen wie “Aha, und was ist so dein Lieblingsspiel?”, und “Wie geht’s dir so?”

Die GEE hingegen will als einziges deutsches Magazin Spiele als Kulturgut behandeln, als Kunst sogar und die Subkultur “Gamer” beleuchten, bleibt aber daran hängen, dass weder die Redakteure, noch die Menschen, mit denen Sie reden etwas zu sagen haben. Vielleicht stellt man auch nur falsche Fragen. Brock Davis, der für die GEE extra eine minimalistische Interpretation von Asteroids mit Ölfarbe gemalt hat, fragt man in der GEE 50 danach, wie seine Eltern Videospiele fanden und ob er auch heute Videospiele spielt.

Die Tests, die betont ohne Noten gehalten sind, kratzen an der Bedeutungslosigkeit. Billige Wortwitze wie “Mass Effect 2 sollte einen massiven Effekt auf kommende Videospiele haben” wechseln sich ab mit ebenfalls beliebigen Meinungen, da war die Überschrift des PC Action Tests zu Mass Effect 2 fast besser: “Es kracht und Shepard” (…ha..). Kurzzusammenfassung des Mass Effect 2 Tests: Ein tolles Spiel, mit interessanten Charakteren und einer schönen Story. Hurra.

Was ist nur los? Kann in Deutschland kein Spielemagazin existieren, dass es wagt wichtige Fragen zu stellen? Dass nicht nur angibt, Spiele wie Kunst zu behandeln? Seit Jahren schon wollen Spieleredaktionen, dass ernsthaft über Spiele geredet wird – warum tun sie es dann nicht? Gibt es kein Publikum? Kein Geld? Keine Risikobereitschaft? Die momentane Printkrise als Entschuldigung für mangelnde Qualität zu nehmen leuchtet nicht ein – seit über 10 Jahren hat sich nichts verändert. Noch immer feiern sich die Redakteure gegenseitig im Editorial ab und freuen sich über den “besten Job der Welt”. Noch immer belaufen sich die meisten Reviews auf Feature-Aufzählungen und Freude/Enttäuschung über den neusten Grafikscheiß oder neue Multiplayer-Modi.

Kaufberatung, nennt sich das dann. Aber Kaufberatung in allen Ehren: wenn Videospiele mit dem selben Ernst besprochen werden sollen wie Filme, so halten sich deutsche Spielemagazine auf dem kritischen Niveau einer TV Movie.

Während in Blogs und Web-Magazinen eine wundervolle, spannende Landschaft aus Diskussionen um Spielmechaniken, Design, Wirtschaft und Werten des Videospiels entsteht, stagnieren deutsche Spielemagazine in der ewig gleichen Routine aus Preview, Review, Entwicklerinterview, in der nichts relevantes gesagt wird. Mit anderen Worten: WTF?

Links:

PC Action: Tony Tang Interview

GEE: Mass Effect 2

Golem: Petra Fröhlich Interview

Gamestar: Modern Warfare 2 killt die Spielekultur

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Kommentare (2)


2 Responses to “Warum sich die deutsche Gaming-Presse in die Bedeutungslosigkeit ballert”

  1. Ich sagt:

    Guter Artikel. Ich arbeite selbst bei einem Computerspielpublisher und bemerke den Abstieg der Print-Fachpresse und das Erstärken der Online-Fachpresse.
    Online-Redaktionen haben den Vorteil, dass sie flexibler auf Änderungen reagieren können, es gibt weniger strikte Deadlines, die News sind aktuell, das Echo der Community hat man direkt und nicht erst einen Monat später in den Leserbriefen. Die Vorteile liegen also auf der Hand.
    Die Printmagazine hingegen legen nicht nur wegen sinkenden Absatzzahlen starken Wert darauf, jede verfügbare Seite zunächst für Werbung zu verkaufen, außerdem wollen sie sich wegen der Marktsättigung- und Konkurrenz irgendwie von den anderen Magazinen unterscheiden. Dadurch entsteht dann z.B. die “elitäre” GEE und die trashige PC Action. Vor einigen Jahren, als der Konkurrenzdruck noch nicht so hoch war und die Verkaufszahlen noch ausreichend waren, konnte man sogar noch die PC Action lesen. Mittlerweile sind viele Artikel von der PC Games 1:1 (!) kopiert, nur die überflüssigen Bildunterschriften sind noch selbst erdacht.
    Momentan ist der deutsche Spielezeitschriftenmarkt im Vergleich zu anderen Ländern noch ein recht großer, aber kurz oder lang muss sich etwas ändern, sonst wird man in einigen Jahren unterwegs zwar noch Games-News lesen, aber nur noch mit dem Smartphone im Internet.

  2. Alex Bronsky sagt:

    Eben. Natürlich ist man als Redaktion auch unter Druck durch Industrie, PR etc. aber ich frage mich ob Gimmick-Hefte und Reviews alleine ausreichen Leute zum lesen zu bewegen.

    Den Wertungsspiegel und persönliche Erfahrungen gibt es zu Hauf bei Metacritic und Co., während viel fixere Medien (Kotaku, 4Players und so weiter) tägliche News covern.

    Bleiben eben längere Reviews, Features, Interviews wo man sich als Heft profilieren kann – und wenn da nur Plattitüden kommen mit einer Zahl am Ende (so objektiv und deckungsgleich mit meiner Meinung die auch sein kann) dann muss man das nicht lesen und den zurückgehenden Verkaufszahlen nicht nachweinen.

    Ich glaube, dass falls die Qualität bei einem Heft endlich stimmen würde, dass a) eher Werbung geschaltet werden würde und b) die Bedeutung als Platform für Spieleindustrie ebenfalls steigen würde.

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