Featured Article
  Canabalt & Beziehungen

  by Irisaurus Knuff
  Featured Article
  MTV ist der beste Sender...

  by Alex Bronsky
  Featured Article
  Und es regnet

  by Kai Hilpisch

2. Januar 2010

Große Entwürfe zu “unserer” Generation lassen sich in letzter Zeit zu Genüge finden. Mal sind wir Generation Y, dann wieder (wenn man Sascha Lobo und Vodafone Glauben schenken soll) Generation Upload (mit der Implikation, dass wir gestern noch Download waren), für Sittenwächter und Moralapostel sind wir Porno und für die jetzt viel zitierte Indigoidian: MGMT. Meistens aber eher sowas wie: Ach-Scheiß-drauf-die-haben-selbst-keinen-Plan. Die Spex titelt, dass uns 2009 vor allem den Neo-Individualliberalismus gebracht hat (Westerwelle, Jamaika-Koaltion, Neo-Cons) und Neo-Konservatismus in den Köpfen. Man solle dagegen ankämpfen. Vielleicht schon zu spät, die Köpfe der MGMT-Upload-Y-Pornoer ist sind schon längst damit voll.

Neulich im Zug las ich, verkappter Indietrottel der ich bin, die Spex mit einer großen, prosaischen Jahresrückschau. Die Spex, das schreibt eine Leserin, ist jetzt wohl wieder ernst geworden (hat ja dann nicht so lange gedauert nach dem Umzug aus Köln). “Spaß an Musik war gestern, das ist jetzt eine Zeitschrift für coole Berliner” (stimmt nur halb, das wäre dann die Vice, vielleicht auch die Hate). Der Kommentar zeigt vieles, zum einen, dass Pop-Diskurs jetzt nicht mehr über den Diskurs von Popmusik  funktioniert (bzw. funktioniern kann), oder wie es die De:Bug ausdrückte: Pop-Diskurs hat ausgekotzt. Zum anderen die Mentalität vieler, zum Teil junger, Menschen: Wenn es keinen Spaß macht, dann ist es nicht mein Bier. If I can’t dance, it’s not my revolution. Und sowieso: “Was geht eigentlich mit diesem dauernden Rumgemecker?”…Ja, was eigentlich?

Im Jahresrückblick schreibt Wolfgang Müller für die Spex darüber, dass ein neues (altes) Denkmuster prominent geworden ist: die Annahme, dass alles mehr oder weniger okay ist und linke Ideale verwirklicht wurden. Problem dabei ist natürlich, dass linke Ideale eben linke Ideale sein sollen, d.h. Dinge, die erstrebenswert, erkämpfenswert sind, aber die (möglicherweise) erst in einer Utopie eintreten können (Gleichheit, Freiheit etc. pp.).

Dem Neo-Individualliberalismus liegt die Ansicht zu Grunde, dass es unsere westliche Gesellschaft erfolgreich geschafft hat, die ursprünglich linksalternative Emanzipationsutopie der freien, individuellen Selbstentfaltung zu verwirklichen: Eine Frau aus Ostdeutschland ist Kanzlerin, ein Homosexueller aus der CDU ist Bürgermeister in Hamburg, ein anderer aus der SPD ist es in Berlin, ein dritter aus der FDP ist Außenminister und ein nicht-weißer Deutscher Gesundheitsminister. Eine lesbische Premierministerin rettet 2009 Island vor dem Staatsbankrott, und in den USA wird ein Schwarzer Präsident. Allen Minderheiten und Benachteiligten stehen dieser Tage scheinbar die Türen weit offen. Was zu der Annahme verleitet: Es gibt keine Randgruppen mehr!


Und eigentlich sollte hier der Aufschrei losgehen. Mag ja sein, dass das nur die ach-so-bösen-anderen-FDP-Wähler betrifft. Irgendwelche Businessmenschen, die sowieso an allem Schuld sind und alles in den Sand setzen – das Gegenteil ist leider der Fall. Mag sein, dass das nur meine Erfahrung ist, aber die meisten Leute. denen ich im Geisteswissenschaftsstudium begegnet bin, sind erz-konservativ. Da wird die empörte These in den Raum gestellt, dass wir schließlich in einer post-rassisstischen Gesellschaft leben würden, in der der Satz “Ach du meinst den und den? Das ist der schwarze Typ dahinten” völlig wertungsfrei daherkommen kann. (Nein, kann er nicht – schließlich trägt man als weißer Europäer leider einen ganzen Rattenschwanz mit imperialistischem Machtgehabe mit sich rum).

Sowieso, post-rassisstisch: “Der einzige Grund Schwarz zu wählen”!? Und während man am Wahltag noch viele empörte, bestürzte facebook Kommentare lesen konnte, dass dank Guido “Das ist Deutschland hier” Westerwelle die Apokalypse bevorsteht, so gab es ebenfalls genug bodenständige Freude á la “Ich bin froh, das Richtige gewählt zu haben” (Die Wahl ist keine Wette – außer man macht sie zu einer, in dem Fall: ‘Schulligung)

Clevere Schüler, die eine Menge aus sich machen könnten, entscheiden sich für ein Lehramtsstudium, weil sie Angst haben, ihre Bürgerlichkeit mit einem Kunst-Studium zu verwirken und ein großer Rest der Lehrämter macht es aus Planlosigkeit und Angst vor einer joblosen Zukunft.

Und auch in Fächern, die uns jobmäßig eigentlich sabotieren sollten (Literatur, Kultur und der ganze Schmarrn) finden sich eher hordenweise gestiefelte Mädchen, frisch vom Australien Work & Travel zurück und träumen von einer Karriere in “der PR-Branche”.

Und dazu hören wir, ja klar: MGMT. Indigoidian hatte Recht mit so Einigem: Ja, wir sind verwirrt und unschlüssig. Und manche lesen sogar die NEON. Aber die Schlüsse, die wir ziehen, sind beängstigend. Wir “schaffen uns unsere Probleme selbst” und sonst ist alles mehr oder weniger in Ordnung. Ich will gar nicht, dass jetzt alle alles stehen und liegen lassen, um zu protestieren…nein, aber warum sehe ich niemanden von Luftschlössern träumen? Sondern nur von Luftreihenhäusern. Warum PR-Branche, wenn man doch zumindest davon träumen kann, auf einmal einen großartigen Roman zu schreiben? Oder ein Magazin zu gründen? Eine Wohnung mit einem Baseballschläger in Zeitlupe zu zerlegen? Warum zur Hölle Deutsch-Lehramt, liebe MGMT-Mithörer?

Links:

Spex: Neo-Individualliberalismus – Der Terror der Selbstverständlichkeit

Indigoidian: Die MGMT-Generation

pixelstats trackingpixel

Post to Twitter Post to Delicious Post to Digg Post to Facebook Post to MySpace Post to Ping.fm


Kommentare (0)


Leave a Reply